
Die Magie der Fantasie im Angesicht der Realität: Cornelia Funke zum Abschluss des Zürcher Literaturfestivals

Die Magie der Fantasie im Angesicht der Realität: Cornelia Funke zum Abschluss des Zürcher Literaturfestivals
Zürich – 12. Juli 2026 . Waha Alfikir – Khalid Dêrik
Ein zauberhafter Abschiedsabend in Zürich
Das Finale des Zürcher Literaturfestivals 26 (2026 Zürcher Literaturfestival) war keineswegs nur der konventionelle Ausklang einer bedeutenden Kulturveranstaltung. Vielmehr verwandelte sich der Abschlussabend (Sonntag, 12. Juli 2026, um Punkt 17:00 Uhr) in eine intellektuelle und literarische Manifestation voller menschlicher Wärme. Inmitten der idyllischen Kulisse des Alten Botanischen Gartens in Zürich und unter offenem Himmel trat die weltberühmte deutsche Autorin Cornelia Funke auf. Als eine der prägendsten „Geschichtenerzählerinnen“ der Gegenwart bescherte sie dem Publikum einen außergewöhnlichen Abend, der von der renommierten Moderatorin Nicola Steiner unter dem symbolträchtigen und zentralen Titel geleitet wurde: „Kann Fantasie die Welt verändern?“.
Zwischen Geografie und Seele: Von Westfalen über Kalifornien nach der Toskana
Das Gespräch begann mit intimen Einblicken in Funkes Lebensweg, der sich unverkennbar in ihren erzählerischen Welten widerspiegelt. Die Autorin, die im nordrhein-westfälischen Dorsten geboren wurde und ihren ersten literarischen Ruhm von Hamburg aus begründete – wo sie jahrelang als Diplompädagogin und Illustratorin tätig war –, sprach über ihre weite Lebensreise.
Sie verdeutlichte, dass ihre Auswanderung nach Los Angeles (Kalifornien) im Jahr 2005 und ihr darauffolgender, bemerkenswerter Umzug auf ein ländliches Anwesen in der italienischen Toskana (nachdem die klimawandelbedingten Waldbrände ihr Haus in Malibu bedrohten) weit mehr als ein bloßer Tapetenwechsel waren. Es war eine fortwährende Suche nach Freiheit und der unmittelbaren Verbundenheit mit der Erde. Auf ihrem toskanischen Landgut schreibt sie heute nicht nur, sondern fungiert auch als Mäzenin, indem sie jungen Künstlerinnen und Künstlern kostenlose Räume zur kreativen Entfaltung bietet.
Der Ort als lebendiger Charakter und das Lauschen auf die Geschichte
In einem tiefgründigen, von Offenheit geprägten Dialog erläuterte Funke ihre einzigartige Philosophie der Weltenbildung. Sie begreift den Schauplatz einer Geschichte nicht als statische Kulisse, sondern als einen lebendigen Hauptcharakter, der atmet und interagiert. Sie gestand, dass sie im Schreibprozess anfangs selbst nicht wisse, wohin das Buch sie führen werde; vielmehr überlasse sie dem Geist und den natürlichen Elementen des Ortes die Führung, sobald dessen Konturen vor ihr sichtbar werden.
Obwohl der Großteil ihres Schaffens in phantastischen Welten angesiedelt ist, betonte sie, dass gerade diese imaginären Räume ihr eine größere Freiheit für das literarische Schaffen (Schöpfen) und die spielerische Entfaltung der Fantasie bieten, um letztlich tiefere Wahrheiten über unsere eigene Gegenwart zu transportieren.

Das Schreiben mit allen Sinnen und die Solidarität mit der Natur
Ein zentraler Fokus des Abends lag auf der Bedeutung von Natur, Pflanzen und ökologischer Solidarität in einer krisengeschüttelten Ära. Funke hob hervor, dass sie mit all ihren Sinnen schreibe: Ihre Leser sollen die Texturen fühlen, die Gerüche riechen und die Klänge hören. Diese sensorische Schreibweise zielt darauf ab, die menschliche Existenz wieder mit ihrer natürlichen Umwelt zu verbinden. Sie erklärte, dass sie seit Jahren versuche, sich von den traditionellen Zwängen des Schreibens zu befreien, um diesen organischen und sinnlichen Elementen die Führung über ihre Texte zu überlassen.
Eine „Geschichtenerzählerin“, die das Kind im Erwachsenen anspricht
Mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und tiefer Demut lehnte Funke es ab, sich in das starre Korsett des Begriffs „Schriftstellerin“ im rein akademischen Sinne pressen zu lassen. Sie bevorzugt die traditionelle Bezeichnung „Geschichtenerzählerin“. Das Erzählen ist für sie ein urzeitlicher, mündlicher Akt und eine emotionale Brücke über Generationen hinweg.
In einem klugen, vielbejubelten Statement betonte sie, dass ihre Bücher keineswegs nur für Kinder und Jugendliche gedacht seien. Sie richten sich vielmehr an die „Erwachsenen im Inneren“ – genauer gesagt an das Kind, das in jedem von uns schlummert. Die Fantasie sei eine „bestimmte Gabe“, mit der jeder Mensch geboren werde; Funkes essenzielle Mission sei es, diese Gabe vor dem Verblassen unter dem Druck des modernen, kapitalistischen Alltags zu bewahren.
Hoffnung in Handlung verwandeln:
Der bewegende Abend endete mit einer tiefen Überzeugung, die Funke den Anwesenden mit auf den Weg gab: Fantasie ist kein Instrument des Eskapismus, sondern das mächtigste Werkzeug im Angesicht einer Welt im permanenten Krisenmodus. Geschichten sind es, die uns neue humanitäre Möglichkeitsräume eröffnen, und sie allein besitzen die Kraft, bloße Hoffnung in reales Handeln auf der Erde zu transformieren. Während die Sonne über Zürich unterging, verließ das Publikum den Alten Botanischen Garten mit einem Funken jener Magie im Herzen, die sich weigert, die Ehrfurcht vor der Welt zu verlieren.


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